Dr. Tobias Nanz

Tobias Nanz ist Kultur- und Medienwissenschaftler. Von 2001 bis 2008 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar und war 2004/05 Junior Fellow des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. Nach seiner Promotion vertrat er in Weimar die Juniorprofessur für Mediengeschichte der Wissenschaften. Von 2009 bis 2011 ging er als Postdoktorand an das Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse“ der Justus-Liebig-Universität Gießen und wechselte im Anschluss an die Universität Erfurt. Dort war er Postdoktorand am Graduiertenkolleg „Mediale Historiographien“ (Weimar/Jena/Erfurt) und lehrte zudem in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Seit Januar 2013 arbeitet er im ERC-Projekt „The Principle of Disruption“ (zunächst Universität Siegen, jetzt Technische Universität Dresden).

Forschungsexposé

Tobias Nanz befasst sich mit einer Geschichte des Roten Telefons. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass sich der berühmte Apparat als ein hybrides Wissensobjekt konstituiert, bei dem sich seine Materialität mit Fakten und Fiktionen vermengt. Denn das Rote Telefon hat es als Sprechverbindung zwischen den USA und der UdSSR in Wirklichkeit nie gegeben und war bei seinem ersten Auftauchen in der Literatur und im Film noch einigermaßen form- und bedeutungslos. Erst eine vermehrte Zeichenproduktion, symbolische Zuschreibungen, narrative Strategien und rhetorische Figuren konstituieren jenen im Kalten Krieg berüchtigten Apparat, der wiederum selbst als diskursives Objekt Auskunft über ein spezifisches Wissen seiner Zeit geben kann.

Die Geschichte des Roten Telefons befasst sich zugleich mit der Hotline, die nach der Kuba-Krise als Fernschreiberverbindung eingerichtet und in einigen Krisenfällen von Washington und Moskau benutzt wurde. Die Forschungen fragen danach, von welchen Diskursen beide Kommunikationsmedien durchzogen sowie formiert wurden und welche Rolle diese in fiktiven wie auch realen Krisen einnahmen. So stehen kleine wie große, fiktive wie tatsächliche Störfälle im Zentrum der Forschungsarbeit: Ein Rechenfehler des Computers oder ein Bedienungsfehler eines Offiziers, eine durchgebrannte Sicherung oder ein diplomatisches Störmanöver zählen zu den Unregelmäßigkeiten, für die das Rote Telefon erfunden wurde, um die Krisen zwischen den Blöcken des Kalten Krieges deeskalieren zu können.

Publikationen

Monografien:

  • Grenzverkehr. Eine Mediengeschichte der Diplomatie, Zürich/Berlin 2010.

Zeitschriften:

  • Gemeinsam mit Lars Koch/Johannes Pause (Hg.), Behemoth. A Journal on Civilisation 9/1 (2016): Imaginationen der Störung. Open Access (PEER-REVIEWED).

Sammelbände:

  • Gemeinsam mit Alf Lüdtke (Hg.), Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs, Göttingen 2015.
  • Gemeinsam mit Johannes Pause (Hg.), Politiken des Ereignisses. Mediale Formierungen von Vergangenheit und Zukunft, Bielefeld 2015.
  • Gemeinsam mit Johannes Pause (Hg.), Das Undenkbare filmen. Atomkrieg im Kino, Bielefeld 2013.
  • Gemeinsam mit Armin Schäfer (Hg.), Kulturtechniken des Barock. Zehn Versuche, Berlin 2012.
  • Gemeinsam mit Bernhard Siegert (Hg.), Ex Machina. Beiträge zur Geschichte der Kulturtechniken, Weimar 2006.

Aufsätze:

  • Medien als Akteure der Außenbeziehungen. Überlegungen zur Krisenkommunikation im Kalten Krieg, in: Peter Hoeres/Anuschka Tischer (Hg.), Medien der Außenbeziehungen von der Antike bis zur Gegenwart, erscheint in Wien u.a. 2017.
  • Moscow Link. Zur Medienkultur des Kalten Krieges, in: Lars Nowak (Hg.), Medien – Raum – Krieg, erscheint in München 2016.
  • Vor dem Atomkrieg. Zum Ereignis in Stanley Kubrick „Dr. Strangelove“ und „The Delicate Power of Balance“, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, Sonderheft: Ereignis Erzählen, hg. v. Anna Häusler/Martin Schneider, Berlin 2016, 193-205.
  • Gemeinsam mit Lars Koch: Szenarien des Dritten Weltkrieges. Ausnahmesituationen und souveräne Akteure im Film, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 46/3 (2016), 395-408.
  • Zimmer mit kolossaler Aussicht. War Rooms als imaginäre Aushandlungsorte von Störungen, in: Behemoth. A Journal on Civilisation 9/1 (2016): Imaginationen der Störung, hg. v. Lars Koch/Tobias Nanz/Johannes Pause, S. 38-57. Open Access (PEER-REVIEWED).
  • Gemeinsam mit Lars Koch/Johannes Pause: Imaginationen der Störung. Ein Konzept, in: Behemoth. A Journal on Civilisation 9/1 (2016): Imaginationen der Störung, hg. v. Lars Koch/Tobias Nanz/Johannes Pause, S. 6-23. Open Access(PEER-REVIEWED).
  • Kommentar zu Der staatserfahrne Abgesandte von François de Callières, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 6/2 (2015), S. 75-82. Open Access
  • Gemeinsam mit Alf Lüdtke: Register des Archivs. Zur Einleitung, in: Alf Lüdtke/Tobias Nanz (Hg.), Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs, Göttingen 2015, S. 9-24.
  • Gemeinsam mit Johannes Pause: Politiken des Ereignisses. Einleitung, in: Tobias Nanz/Johannes Pause (Hg.), Politiken des Ereignisses. Mediale Formierungen von Vergangenheit und Zukunft, Bielefeld 2015, S. 7-32.
  • Das ,Rote Telefon‘. Ein hybrides Objekt des Kalten Krieges, in: Stephan Habscheid/Lars Koch (Hg.), Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 43 (2014), Heft 173: Krisen, Katastrophen, Störungen, S. 135-148. Open Access
  • Gemeinsam mit Lars Koch: Ästhetische Experimente. Zur Ereignishaftigkeit und Funktion von Störungen in den Künsten, in: Stephan Habscheid/Lars Koch (Hg.), Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 43 (2014), Heft 173: Krisen, Katastrophen, Störungen, S. 94-115. Open Access
  • Ausfallsicher. Sidney Lumets Fail-Safe (1964), in: Tobias Nanz/Johannes Pause (Hg.), Das Undenkbare filmen. Atomkrieg im Kino, Bielefeld 2013, S. 85-102.
  • Gemeinsam mit Johannes Pause: Das Undenkbare filmen. Einleitung, in: Tobias Nanz/Johannes Pause (Hg.), Das Undenkbare filmen. Atomkrieg im Kino, Bielefeld 2013, S. 7-24.
  • Bei Anruf: Apokalypse, in: Christian Zolles u.a. (Hg.), Abendländische Apokalyptik. Kompendium zur Genealogie der Endzeit, Berlin 2013, S. 227-238.
  • La mer, c’est moi, in: mare. Die Zeitschrift der Meere 97 (2013): Gärten am Meer, S. 84-87.
  • Techniken des Regierens. Zur Funktion einer barocken Zeremonialscheibe, in: Tobias Nanz/Armin Schäfer (Hg.), Kulturtechniken des Barock. Zehn Versuche, Berlin 2012, S. 41-55.
  • Gemeinsam mit Armin Schäfer: Einleitung, in: Tobias Nanz/Armin Schäfer (Hg.), Kulturtechniken des Barock. Zehn Versuche, Berlin 2012, S. 7-19.
  • Verkabelt. Zur filmischen Inszenierung des Roten Telefons, in: Alessandro Barberi u.a. (Hg.), Medienimpulse 2009–2011, Wien 2012, S. 289–298. Online erschienen in: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 1 (2011): Politik/Macht/Medien. Open Access
  • Communication in Crisis: The „Red Phone“ and the „Hotline“, in: Behemoth. A Journal on Civilisation 3/2 (2010): Behaviour Guides and Law, hg. v. Karin Harrasser/Elisabeth Timm, S. 71-83. Open Access (PEER-REVIEWED).
  • Inseln im Sturm. Prosperos Spiel und die Feste Ludwigs XIV., in: Thomas Brandstetter/Karin Harrasser/Günther Friesinger (Hg.), Grenzflächen des Meeres, Wien 2010, S. 47-60.
  • Gemeinsam mit André Wendler: Sissi. Kinojahre einer Kaiserin, in: Johannes Mangei/Claudia Kleinbub (Hg.), Vivat! Huldigungsschriften am Weimarer Hof, Göttingen 2010, S. 82-87.
  • Techniken des Zerwürfnisses, in: Hendrik Blumentrath u.a. (Hg.), Techniken der Übereinkunft, Berlin 2009, S. 133-146.
  • Agenten der Diplomatie, in: Archiv für Mediengeschichte 8 (2008), S. 53-61.
  • Das Deutsche Reich am Nordpol, in: Sebastian Lentz/Ferjan Ormeling (Hg.), Die Verräumlichung des Welt-Bildes. Petermanns Geographische Mitteilungen zwischen „explorativer Geographie“ und der „Vermessenheit“ europäischer Raumphantasien, Stuttgart 2008, S. 89-98.
  • Das Meer von Versailles, in: Archiv für Mediengeschichte 7 (2007), S. 75-82.
  • Das Fliegen schreiben, in: Cornelius Borck/Armin Schäfer (Hg.), Psychographien, Zürich/Berlin 2005, S. 43-59.
  • Zur Sichtbarkeit der Dinge, in: sinn-haft 17 (2004): inmitten der dinge, S. 89-92.
  • Blindflug. Zur Psychotechnik des Piloten und seiner Instrumente, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 14/3 (2003): Historische Medienwissenschaften, hg. v. Alessandro Barberi/Wolfgang Pircher, S. 29-49.

Rezension:

  • Rezension zu: Dick van Lente (Hg.), The Nuclear Age in Popular Media. A Transnational History, 1945-1965, Basingstoke 2012, in: H-Soz-Kult, 3.6.2015.